Artikel

09.11.2011
Beitrag von CSK-Mitglied Dr. Hans Otto Seitschek
CSK-Mitglied Dr. Hans Otto Seitschek hat einen Artikel in DIE TAGESPOST vom 08.11.11 veröffentlicht zum Thema: Konservativ ist eine Haltung, die sich auf Gott hin richtet
Die Debatte um das Konservative hakt sich fest an politischen Positionen und deren Geschichte. Philosophisch-systematische Untersuchungen von Romano Guardini bis Eric Voegelin darüber, wie das, was es zu bewahren gilt, im Denken aktualisiert wird, geraten dabei nicht ins Blickfeld. Teil V der "Tagespost"-Serie "Konservativ" unternimmt einen solchen Versuch.
Konservativ ist eine denkerische Haltung, die an der Wirklichkeit und an der Wahrheit orientiert ist. Die Begriffe Wirklichkeit und Wahrheit zielen durchaus auf Welt und Gott hin, also auf Schöpfung und Schöpfer. Konservatives Denken beabsichtigt vor allem ein Bewahren vor Denkfehlern und Fehlschlüssen. Es ist ein transzendentales Reflektieren, das Bedingungen der Möglichkeiten von Sein und Erkenntnis berücksichtigt und auf diesen Bedingungen aufbaut. Diese Art zu denken liefert nicht bloß richtige Ergebnisse, wie es auch die "instrumentelle Vernunft" (Horkheimer) vermag, sondern wahre und überzeitliche Resultate. Auf diesen von zeitlichen Umständen nicht gebundenen Anspruch der Wahrheit verweist der Transzendentalphilosoph Reinhard Lauth in seinem Text über "Die absolute Ungeschichtlichkeit der Wahrheit" (1966, Neuauflagen 2002 u. 2004). Ergänzungen und Erweiterungen von naturwissenschaftlichen Theorien beispielsweise sind in diesen absoluten Wahrheitsanspruch durchaus eingeschlossen, da sie den einmal gefassten wahren Gedanken ergänzen und weiterführen, wohingegen falsche Ansätze als solche entlarvt werden.
Auch die Natur und das Wesen des Menschen werden im konservativen Denken besonders berücksichtigt. Papst Benedikt XVI. hat am 22. September vor dem Bundestag vom "Buch der Natur" gesprochen, das "eines und unteilbar" sei. Damit stellt der Papst den Menschen in seinen natürlichen Kontext und zeigt dadurch die Rahmenbedingungen des menschlichen Wesens auf. Aus den Strukturen der Natur werden somit auch rechtliche, naturrechtliche Strukturen ersichtlich, die beispielsweise zeigen, dass es eine natürliche Geneigtheit zum Leben hin gibt, die aus Vernunftgründen einen Schutz des Lebens einfordert. Stützt man sich auf diese Begründung, ist der Lebensschutz keine bloße Einstellung, der man folgen kann oder nicht, sondern ein Gebot der Vernunft. Die Freiheit des Menschen wird durch ein solches Denken keineswegs beeinträchtigt. Es steht jedem Menschen sogar frei, gegen das Naturrecht zu verstoßen, aber er wird die Folgen, die sich daraus ergeben werden, tragen müssen – ob er es will oder nicht: So zum Beispiel die Überalterung einer Gesellschaft, in der man immer weniger Kinder zur Welt kommen lässt.
Auch kann sich der Mensch nicht aus sich selbst gründen, sondern bleibt stets auf etwas verwiesen, von dem her er sich annimmt: dem Transzendenten, Gott, der Schöpfer des Menschen ist. Romano Guardini stellt diesen Gedanken in seiner Schrift "Die Annahme seiner selbst" (1952) klar vor Augen. Einwänden, die durch diese Art Denken die Würde und die Autonomie des Menschen gefährdet sehen, ist mit Guardini entgegenzuhalten, dass der Mensch von Gott als freies Wesen gewollt ist. Der Mensch ist quasi in die Unendlichkeit Gottes hinein festgelegt und determiniert, also vom Grenzelosen umfangen und damit frei. "Die bloße Endlichkeit ist aufgehoben, denn alle Dinge sind in Gott", heißt es ganz zutreffend am Ende des zweiten Hauptabschnitts, "Die Pole des Daseinsraums", von Guardinis "Welt und Person" (1939). Es ist daher bemerkenswert, dass es in den meisten Stellungnahmen des Konservatismus unserer Tage nicht mehr um Transzendenz oder um Gott geht, sondern um die unbedingte Verteidigung als konservativ geltender, gleichsam empirisch-politischer Positionen.
Josef Pieper begründet in seiner Münsteraner Habilitationsschrift "Wahrheit der Dinge" (1947, 4. Auflage 1966), dass der Erfolg der Metaphysik des Aristoteles und später des Thomas von Aquin gerade darin besteht, dass sie sich in der Wahrheit der Wirklichkeit gründet und an ihr ausrichtet. Der Protestant Eric Voegelin kritisiert in seiner Münchener Antrittsvorlesung als Professor für Politikwissenschaft ("Wissenschaft, Politik und Gnosis", 1959), dass es ein Denkfehler mit fatalen Folgen sei, wenn die Wirklichkeit nicht mehr als solche wahrgenommen werde und sich deshalb die Wissenschaft als ein quasi-gnostisches Heilswissen geriere, das vorgebe, von einer derart dämonisierten Wirklichkeit erlösen zu können. Auch der von Peter J. Opitz edierte Text Voegelins, "Realitätsfinsternis" (2010), tendiert in diese Richtung. Guardini, Pieper und Voegelin beweisen in ihren Werken, was konservatives Denken meint und was es vermag: Ein Reflektieren, das an der Möglichkeit des Unendlichen, Gott, ausgerichtet ist und das wahr und frei ist, weil es im Absoluten gründet.
Das Konservative ist also bei weitem nicht auf bloße Äußerlichkeiten zu reduzieren, wie die Zugehörigkeit zu einer Partei oder die unreflektierte Übernahme bestimmter Gedanken oder Positionen, sondern eine bestimmte Art des Denkens und Problemlösens. Nicht das "Was", sondern das "Wie" des Denkens steht hier im Vordergrund, wobei dem richtigen Denken auch ein wahrer Inhalt oder eine echte Lösung für ein Problem folgen. Die krude Sammlung von weitgehend als konservativ geltenden Gedanken allein reicht keineswegs aus, wie der Fall des norwegischen Attentäters vom Juli dieses Jahres beweist. Es kommt vor allem auf die innere Logik der Gedankenführung und auf die Widerspruchsfreiheit an, also auf die Orientierung an der Wahrheit, sonst drohen verheerende, nichts selten gewalttätige Folgen.
Ein abschließendes Beispiel für die aktuelle Krise des Denkens, die auch vor konservativem Denken nicht halt macht, ist die allgegenwärtige Rede von "den Werten" oder gar von "konservativen Werten". Fragt oder denkt man genauer nach, verbirgt sich hinter dem Wort "Wert" in diesem Zusammenhang meist eine Tugend wie Höflichkeit oder Besonnenheit, ein Prinzip, ein Grundsatz des Denkens oder Handelns, wie Widerspruchsfreiheit oder Verlässlichkeit, oder ein Grundrecht, wie die unantastbare Würde des Menschen. Hier ist die Frage zu stellen, wieso Worte wie "Tugend", "Prinzip" oder "Grundrecht" in diesem Zusammenhang nicht zum Zug kommen, sondern das viel unklarere Wort "Wert", das im Zusammenhang mit Zahlenwerten seine klarste Bedeutung hat? Der differenzierte und präzise Umgang mit Sprache schult die Reflexionsfähigkeit und richtet sie neu an der Wahrheit aus. Solches Denken ist, wie menschliches Denken überhaupt, an der Wahrheit interessiert und orientiert, es ist im Wortsinn bewahrend, also konservativ.
Die Unsicherheiten, die sich heute mit dem Begriff konservativ verbinden und die sich in der Frage "Was ist konservativ?" niederschlagen, zeigen allzu deutlich, dass die das Wort konservativ beanspruchenden Denkinhalte in den vergangenen Jahrzehnten oft nicht ausreichend durch genügend gründliches Reflektieren gestützt wurden. Henning Ottmann fragte bereits 1987 in der katholischen Zeitschrift "Communio" (Heft 6, Seiten 544–552): "Was ist heute konservativ?" Diese Nachfrage eröffnet jedoch auch die Möglichkeit, Konservatives wieder im Denken, im an der Wahrheit orientierten, philosophischen Denken zu finden und zu gründen. Auch im Politischen könnten sich dadurch frische Koalitionen und neue Zusammenschlüsse finden lassen, die der festgefahrenen Parteienlandschaft durchaus Dynamik verleihen würden.
Der Autor ist Privatdozent für Philosophie am Guardini-Lehrstuhl der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
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