Navigation Überspringen

Artikel

Symbol schließen

24.01.2012

Beitrag von CSK-Mitglied Dr. Hans Otto Seitschek

Beitrag von CSK-Mitglied PD Dr. Hans Otto Seitschek zu Lord Acton

Ewiges Licht der Freiheit

von Hans Otto Seitschek

Die Tagespost vom 24.01.2012

Der Denker John Emerich Edward Dalberg-Acton, kurz Lord Acton, ist vor 100 Jahren gestorben. Sein Freiheitsbegriff hat den Heutigen noch einiges zu sagen. Er fundiert ein menschliches Wollen, das nicht von etwas, sondern zu etwas frei sein will – mit enormen politischen Folgen.

John Emerich Edward Dalberg-Acton (1834-1902) war schon früh im zerstrittenen, immer nationalistischeren 19. Jahrhundert, ein Europäer im heutigen Sinne. Er war in Neapel geborener Engländer und hatte eine deutsche Mutter, lebte vorwiegend in England, studierte in München und hielt sich oft am Tegernsee auf, wo er auch starb. Lord Acton war mit der Tochter Marie Anna des bayerischen Grafen Arco-Valley verheiratet. Heute sind solche Biografien keine Seltenheit mehr, vor 150 Jahren waren sie es durchaus noch.

Vielleicht liegt es gerade in dieser Biografie begründet, dass Lord Acton sich tiefe Gedanken über die Freiheit machte. Heute ist aufgrund der dominanten Vorstellungen von (falscher) Autonomie und absoluter Ungebundenheit, das heißt der Freiheit "von", auch als negative Freiheit bezeichnet, unser Begriff von Freiheit dermaßen überlagert und verbogen, dass sich ein Rückblick auf Acton lohnt.

Für ihn war es vor allem die positive Freiheit, die Freiheit "zu", die es ihm ermöglichte, Neues zu diesem Thema zu denken, und dies auf dem Boden der Historie. Lord Acton kam zu einem neuen Umgang mit Gesellschaft und Religion, die die Menschen zu Neuem fähig machen und auf Neues ausrichten sollen.

Lord Actons Freiheitsliebe drückte sich auch in seiner Kritik am Ersten Vaticanum aus, besonders am Unfehlbarkeitsdogma. Dabei ist Lord Acton nicht bloß ein Adept der Theologie seines verehrten akademischen Lehrers, Ignaz von Döllinger. Acton denkt in eigenen Wegen, wiewohl er Döllinger große Unterstützung und die Nutzung der privaten Bibliothek verdankt. Für Lord Acton war von Döllinger das Musterbeispiel eines deutschen Universitätsprofessors und Gelehrten, der für ihn zwar als Historiker ein Leitbild blieb, nicht jedoch hinsichtlich der theologischen Vorstellungen, die letztlich in die alt-katholische Bewegung und eine Trennung von Rom mündeten. Trotz gegenseitiger Wertschätzung entfremdeten sich Acton und von Döllinger nach und nach voneinander. Dies hat seinen Grund möglicherweise darin, dass beide in gänzlich verschiedenen Umfeldern die Zeit nach dem Ersten Vaticanum erlebten: Lord Acton stand in der englischen Oberschicht als Katholik auf einsamem Posten und versuchte, für seine Kirche zu werben, Verständnis und Seelen für sie zu gewinnen. Ignaz von Döllinger war in Deutschland dagegen der gefeierte Renegat gegen die Theologie des Ersten Vaticanum.

"In seiner Hochschätzung der Geschichte steht Acton Hegel nahe"

In seiner Hochschätzung der Bedeutung der Geschichte steht Acton Hegel nahe, anders als in der Bewertung der Französischen Revolution. Jedoch ist die Geschichte für Acton Raum der Freiheitsentfaltung, nicht Folie für den Fortschritt wie für Hegel. Beide haben also trotz der Berührungspunkte letztlich ein unterschiedliches Geschichtsverständnis, das auch das Freiheitsverständnis beider unterscheidet: Bei Hegel bleibt die Verwirklichung der Freiheit in und durch Sittlichkeit entscheidend, die für Acton eher als Resultat einer freiheitlichen politischen Ordnung zu gelten hat. Dennoch ist in Actons Geschichtsschreibung der Freiheit durchaus auch in Umrissen eine Freiheitsphilosophie zu sehen, die die Freiheit transzendent verankert. Intellektuelle unterschiedlicher Provenienz bezogen sich gerne auf Acton, so Friedrich August von Hayek oder Wilhelm Röpke. Hayek stellt Acton in seiner Bedeutung sogar neben Alexis de Tocqueville oder Leopold von Ranke. Der protestantische Historiker Ulrich Noack (1899–1974), Schüler von Friedrich Meinecke und Ernst Troeltsch, der in den frühen und mittleren 1930er Jahren Actons Werk genauestens untersucht hat, bezeichnete ihn demnach auch zu Recht als "Historiker der Freiheit".

Doch Acton will mehr als rein geschichtliche Betrachtungen. Er möchte zum Glutkern der Freiheit vordringen, ihr Wesen erkunden, ohne zu sehr ins Theoretische abzugleiten. In der Freiheit kann der Mensch sein Wesen und sein Gewissen entwickeln und zur jeweils besten Form bringen. Diese Art Freiheit, die dem Menschen Entfaltung ermöglicht, soll der Staat fördern. Ideologien des Sozialismus wie des Nationalismus sind dabei nur hinderlich. Beide sind in einem gleich: Sie sind Kollektivismen, die die freie Gewissensentscheidung des Menschen einschränken oder gar vereiteln. Auch die Demokratie steht für Acton in der Gefahr, kollektivistisch zu werden, wenn das Element des Diskurses über alle politischen Themen, die sogenannte deliberative Demokratie, in ihr zurückgedrängt wird, und die Entscheidungen nicht mehr auf der Basis des individuellen, gebildeten Gewissens des Einzelnen getroffen werden.

Der Staat soll sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Die bloße Ausübung der politischen Autorität ist zu wenig für einen Staat und reicht bei weitem nicht aus, um als frei und gerecht zu gelten.

Hier sei ein Seitenblick auf Jürgen Habermas erlaubt: Sein Zwischenruf zum Vorhaben einer Volksabstimmung in Griechenland bezüglich der EU-Pläne zur Abwendung eines Staatsbankrotts wies nicht zuletzt auf die menschliche Würde hin, die ein Rechtsstaat in Freiheit stets zu schützen hat – ein Gedanke, der auch für Acton von grundlegender Bedeutung ist, wenn Habermas sagt: "[Es] darf die Entscheidung nicht über die Köpfe einer demokratischen Bevölkerung hinweg getroffen werden. Das ist nicht nur eine Frage der Demokratie, hier steht die Würde auf dem Spiel."

Doch zurück zu Acton: Freiheit, Politik und Staat haben keinen Selbstzweck. Sie sind auf den Menschen und sein Wesen, seine Natur, ausgerichtet und sollen dem Menschen dabei helfen, sein Wesen zur vollen Entfaltung zu bringen. Freiheit darf nicht als ein politisches Instrument missbraucht werden, durch das Menschen im Dienst einer Ideologie oder eines ökonomischen Konzepts stehen. Der Mensch ist nicht für die Politik oder für den Markt da, sondern umgekehrt. Das steht für Acton außer Frage.

Freiheit dient einerseits als Begründung für gute Taten, andererseits als Vorwand für Gewalt. Mit diesem Gedanken beginnt Acton seine Ausführungen zur Geschichte der Freiheit in der Antike. Diese Tatsache hat sich bis heute nicht geändert. Doch diese Definition der Freiheit bliebe an der Oberfläche stecken; Freiheit kann nicht als Vorwand dienen, nach eigenem politischen Gusto zu handeln. Viel zu oft wird die Freiheit als "Totschlagargument" missbraucht, um Gegner zum Schweigen zu bringen: Die eigenen politischen Taten stehen vordergründig selbstverständlich immer im Dienste der Freiheit, obwohl hinter den Kulissen allein die eigenen Interessen zählen. Nicht unerheblich ist es dabei, dass für Acton sich der Grad der gewährten Freiheit in einem Staat danach bemisst, wie viele Freiheitsrechte politischen, sozialen und religiösen Minderheiten gewährt werden. Eine solche Art von Politik trägt menschliches Antlitz, wird von Menschen verantwortet und ist – nach Romano Guardini (Die Macht, 1952) – nicht dämonische, entpersönlichte Macht, die von einem "Machtapparat" ausgeht.

Freiheit kann ferner nicht ohne den Bezug zur Wahrheit gedacht werden, da es die Wahrheit ist, die uns frei macht (Joh. 8, 32). Das Christentum verankert die Freiheit im Unendlichen, Unvergänglichen, in Gott, der die Wahrheit ist. Das Licht der Freiheit ist unauslöschlich "unquenched" – Acton verwendet diesen Topos häufig – wie das "Ewige Licht", das vor dem Tabernakel an die Anwesenheit Gottes gemahnt. Aus diesem Bewusstsein kann die Freiheitsgeschichte auch für die Zukunft geschrieben werden: "the story for the future is written in the past". Aus ihrer Herkunft haben die Menschen Zukunft; in der Geschichte der Freiheit sehen die Menschen, wie sie die Freiheit in rechter Weise und in Wahrheit ergreifen können, zum eigenen Nutzen, aber auch zum Nutzen Anderer.

Damit denkt Lord Acton auf katholischem Grund. Wahre Freiheit kann nur in Gott, der die Wahrheit ist, wurzeln. Er versteht die Freiheit immer primär als eine Freiheit "zu" (positive Freiheit), nicht als Freiheit "von" (negative Freiheit).

Freiheit darf dabei nie politisch, ideologisch oder ökonomisch instrumentalisiert werden. Sie dient einzig dem Zweck, den Menschen zur Entfaltung seines Wesens und seines Gewissens zu führen. Deshalb ist die Freiheit auch kein Selbstzweck.

Die Demokratie muss sich deshalb davor hüten, in einen engen Kollektivismus hineinzugeraten, in dem Entscheidungen vom Zwang der Masse gesteuert werden. Acton propagiert eine Art deliberativer Demokratie, die sich umfassender Informationen bedient, um den Einzelnen die bestmögliche Entscheidungsbasis zu liefern. Jeder Absolutismus oder Kollektivismus verdirbt. Eine "balance of power" ist unabdingbar für ein freie Staatsform.

Freiheit manifestiert sich für Lord Acton schließlich in der Geschichte, ist jedoch unabhängig von Zeitumständen zu denken. Die Geschichte ist zwar der Raum, in dem sich Freiheit ereignet und weitergetragen wird, aber die Geschichte ist nicht die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit. Freiheit lässt die Menschen nach eigener Verantwortung handeln. Die Menschen tun also in der Freiheit das, was sie wirklich wollen. Sie handeln aus der Wahrheit in Gott und können so das bestmögliche Ziel erreichen. Ein freies politisches Gemeinwesen täte also gut daran, sich an Actons Freiheitsbegriff zu orientieren. Die Menschen haben die Möglichkeit, ihre Entscheidungen in Wahrheit zu treffen und nicht an kurzatmigen, vordergründigen Interessen orientiert. Dazu müssen die Menschen sich um umfassende Bildung und Information bemühen: Nur wer umfassend informiert ist, kann auch frei wählen, sich frei entscheiden. Diese Freiheit schafft Handlungsoptionen, die noch in Generationen von Nutzen sein können oder zukünftige Generationen zumindest nicht belasten. Es ist eine Freiheit, die zu voller eigener Verantwortung der Person führt. Sie sollte Paradigma jeder Politik sein.

Der Autor ist Privatdozent für Philosophie am Guardini-Lehrstuhl der Ludwig-Maximilians-Universität München.

FB:Empfehlen Twittern

Um diesen Beitrag kommentieren zu können, müssen Sie registriert bzw. angemeldet sein.