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Pflege

Pflege ist Schicksalsfrage

 
Claus Fussek ist Sozialpädagoge, Autor und bekannter Pflege-Kritiker

Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst. Dabei wird die Frage immer dringender: Wie können wir die Qualität der Pflege sicherstellen? Darüber hat der Pflege-Kritiker Claus Fussek mit Vertretern der Senioren-Union diskutiert. Fussek mahnt: "Pflege ist die Schicksalsfrage dieser Nation. Und die Zeit drängt."

Es ist nicht einfach, Claus Fussek zuzuhören. Wenn er spricht, tut das weh. Fussek ertappt sein Publikum – er stellt die Zuhörer bloß. Fussek sagt: Viele Alte, Kranke, Sterbende leben in Heimen in menschenunwürdigen Zuständen. Und die Gesellschaft – jeder einzelne von uns – schaut zu.

In Fusseks Büro liegen 50.000 Notrufe auf der Pflegebranche, erzählt er auf der Bühne der CSU-Landesleitung in München. Eingeladen hat ihn der Vorsitzende der Senioren-Union, Thomas Goppel. Ein unbequemer Auftritt, der Auseinandersetzungen provoziert. „Streit ist bei uns Programm, unterschiedliche Meinungen gehören dazu“, sagt Goppel. Und er sagt auch: „In der Politik werden die Weichen für die Pflege gestellt. Und der Zug rollt noch nicht anständig.“

Die Politik ist in der Pflicht

Fussek nimmt die Politik in die Pflicht, beklagt sich darüber, dass auch bei der CSU Pflege bislang kein Wahlkampfthema gewesen sei. Doch er sieht die Verantwortung gesamtgesellschaftlich, sagt: „Gesetze pflegen keine Menschen.“ Fussek kann wohl als Anwalt der Pflegekräfte gelten. Doch er übt auch Kritik am Berufsstand. Pfleger seien zu wenig organisiert, „dabei wären sie mächtiger als alle Piloten und Lokführer zusammen“.

Fussek berichtet von seinen zahlreichen Heimbesuchen. 75 Prozent der Bewohner würden dort mit Inkontinenzartikeln versorgt, weil zu wenig Personal auf den Stationen eingesetzt ist. So wenig, dass nicht einmal jeder Bewohner dann zur Toilette kann, wenn er muss. Seine Forderungen, so der Sozialpädagoge, seien noch nicht mal umstritten, er habe im Prinzip keinen Gegner. „Ich kämpfe dafür, dass Alte in dem Tempo ihr Essen bekommen, in dem sie kauen und schlucken können.“ Doch es fehle in zahlreichen Einrichtungen selbst daran. Heißt konkret: Mehr Personal, gut ausgebildetes Personal, gute Arbeitsbedingungen und das öffentliche Bewusstsein dafür, dass das Thema Pflege die meisten von uns irgendwann trifft.

Bundestagskandidat Alexander Ehlers, selbst Jurist und Mediziner, verteidigt auf dem Podium den sogenannten Pflege-Tüv gegen die Kritik Fusseks. Fussek kontert: Der Tüv müsse weg, er sei ein Riesenapparat, treffe kaum belastbare Aussagen und raube Zeit. Ehlers hält dagegen: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wir reden hier schließlich auch über solidarische Finanzmittel.“

Am Ende einer hitziges Debatte steht ein betroffenes Publikum. Und ein Lob – ausgerechnet vom scharfen Kritiker. „Es gibt viele, viele gute Einrichtungen. Viele Pfleger machen einen tollen Job. Aber wir müssen über die Dinge sprechen, die nicht funktionieren.“

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