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Ein Kommentar von Christian Schmidt, MdB

Kirche sollte nicht dem Fundamentalpazifismus anheimfallen!

Mit einem gehörigen Maß an Lust zum Widerspruch habe ich das Interview von Frau Margot Käßmann, als Botschafterin der Luther-Dekade für Religion und Politik, gelesen.

Obwohl sie mit einem kurzen Verweis auf die Friedensdenkschrift des Rates der EKD aus dem Jahr 2007 sich zu denen hinhält, die auch unter dem Blickwinkel des Postulats des "Gerechten Friedens" den Einsatz von Gewalt zur Gefahrenabwehr nach mehreren Prüfpunkten nicht ganz ausschließen wollen, dringt doch bis hin zur Infragestellung des Militärseelsorgevertrags eine konsequente Ablehnung des Einsatzes von Gewalt aus ihren Worten. Gut, christlich, ehrenwert! mag man sagen und sage auch ich. Schwierig wird es zu verstehen, wieso die, die sich in Gefahr begeben (nicht weil sie rauf- oder mordlustig sind), sondern weil andere in Not sind, nicht in ihrem Einsatz seelsorgerisch betreut werden sollten - Jesus Christus war immer bei denen, die schwere und umstrittene Aufgaben hatten! Deswegen ist es richtig, dass die Kirche sich hierfür nicht zu fein ist! Selbst ein Besuch bei unseren Soldaten ist nicht christlich verwerflich!

Schwierig wird es auch dann, wo man sich konsequent der Frage verweigert, wie man mit Friedensstörern umgeht. Ist es christlich, Friedensstörer gewähren zu lassen und deren Opfer zu beweinen oder verlangt die Nächstenliebe von uns, allen Menschen, insbesondere unseren Glaubensbrüdern, die im Irak und in Syrien gegenwärtig in höchster und nicht nur theoretischer Lebensgefahr sind, zur Seite zu kommen, und wenn ja, mit welchen Mitteln? Ich finde es nicht ausreichend, um diese Frage einen Bogen zu machen und sie anderen zu überlassen - damit man nicht unrein werde? Und wo ist unser Beitrag gefordert?

Die christlich geprägte Denkwelt hat sich immer mit Fragen der Intervention oder des Schutzes von Menschen in Not beschäftigt. Kam Immanuel Kant zur Forderung nach einem Weltgewaltmonopol in seiner "Schrift zum ewigen Frieden", so diskutiert die Völkergemeinschaft in den - im Sinne Kants unfertigen - Vereinten Nationen (weil sie kein absolutes Gewaltmonopol haben) heute, gerade nach den schlimmen Erfahrungen von Ruanda (wo der ethnische Konflikt zwischen Hutus und Tutsies vor zwanzig Jahren in einem Völkermord endete) und Sebrenica, ob es nicht eine Schutzverantwortung der einen (meist noch der Begüterten) für die anderen Elenden gibt. Ja, das hat Berechtigung! Wer den Jeziden nicht hilft, der kann auch den Christen nicht helfen - man lese nach bei Martin Niemöller!

Man darf keine billige Zuflucht zu holzschnittartigen Dialogen zur Anerkennung von Kriegsdienstverweigerern nehmen, damit man solchen Fragen aus dem Weg geht. Und man muss auch kein Anhänger der Thesen von Samuel Huntington sein, dass ein "Kampf der Kulturen" bevorstehe, um zu spüren, dass die Radikalisierung und die Brutalität der exzessiven Gewalt im Namen Allahs oder des Mammon oder von wem auch immer auch die Friedfertigen dazu zwingt, Stellung zu nehmen und Einhalt zu gebieten - wenn nötig, auch mit Gewalt! Ursachenbekämpfung ist natürlich die erste Antwort und hat angesichts der vielen Fehleinschätzungen und Schläfrigkeiten, die die Geschichte von der Antike bis zur Neuzeit prägen, einen hohen Stellenwert. Ich warne aber vor dem Irrglauben, man könne durch gutes Zureden, runde Tische und Verpflichtung aller auf unsere nach Reformation und Aufklärung ins Säkulare hin übertragenen christlichen Werte der Individualität, Personalität und Liberalität heute den Rest der Welt zum Guten bekehren.

Ja, man muss immer bestrebt sein, unsere Lebensvorstellungen zu verbreiten. Warum? Weil sie im Kern dem Lebenswunsch der allermeisten Menschen dieser Erde entsprechen und ihre Universalität noch fast vom allerletzten Häuptling einer Ethnie oder Interessengruppe akzeptiert oder zumindest instrumentalisiert wird.

Leider wird das nicht dazu führen, dass Kriege und Gewalt aus der Welt verschwinden; wir haben schon viel erreicht, wenn sie weniger und weniger grausam werden.

Ob die Unterdrückten dieser Welt sich gerade alle an Costa Rica orientieren wollen, weil es dort keine Armee gibt? Mag sein - in ruhigeren Zeiten. Sie werden aber auch fragen, wer denn dann dem Dämon Einhalt gebieten soll, wenn wir im Westen alle Costa Ricaner sind.

Jetzt müssen wir das, was Bundespräsident Joachim Gauck seit seiner Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz  m.E. völlig zu Recht gesagt hat, wenn es sein muss, streitig diskutieren.

Frau Käßmanns Positionen teile ich dezidiert nicht. Wir alle, die gleichen (friedlichen) Geistes sind, sich aber auch der Friedfertigkeit der diesseitigen Welt verschrieben haben müssen deswegen mit ihr und ihren Gedanken respektvoll, brüderlich und schwesterlich streiten, aber wir müssen streiten.