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JU/CSU/KAB fragten:

Wie kaputt sind wir eigentlich?

 
Helmut Nawratil (Leiter Bezirkskliniken Mfr.), Christian Albrecht (New Media Manager), Gerti Helmbrecht (Blaues Kreuz Bayern), Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler, MdB, Moderator Daniel Nagl, 1. Bgm. Ralph Edelhäußer (v.l.)

Eckersmühlen (heu/dn) Zu der sehr interessanten und aufschlussreichen Veranstaltung der Jungen Union Kreisverband Roth, der CSU Ortsgruppe Eckersmühlen und der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung (KAB) Eckersmühlen mit dem Titel „Wie kaputt sind wir eigentlich“ konnte KAB-Vorsitzender Karlheinz Heumann die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler, MdB, den Leiter der Bezirkskliniken Mittelfranken Helmut Nawratil, die Landesvorsitzende des Blauen Kreuzes Bayern Gerti Helmbrecht, den Marketing- und Newmedia-Manager Christian Albrecht, sowie den 1. Bürgermeister der Stadt Roth Ralph Edelhäußer im kath. Pfarrheim in Eckersmühlen begrüßen. Durch den Abend führte der JU-Kreisvorsitzende Daniel Nagl. Bezirksrat Ernst Schuster zeigte in seiner Hinführung die Aufgaben der Bezirkskliniken in Mittelfranken auf. Diese seien meist unbekannt und die psychischen und seelischen Erkrankungen immer noch ein Tabu in unserer Gesellschaft.

„Der Esstisch ist bei uns bewusst handyfreie Zone.“

Der Abend sei keine politische Veranstaltung, sondern solle Denkanstöße liefern. „Wir beschäftigen uns heute bewusst nicht mit harten Drogen. Diese werden oft genug thematisiert. Uns geht es darum, Reflexion in Zusammenhang mit den Graustufen psychosomatischer Erkrankungen anzustoßen, nicht zu verurteilen oder zu verbieten; das verbietet schon unser christliches Menschenbild“, erklärte Nagl zu Beginn. Die Belastungen sind heute hoch, so Nawratil. Unsere Gesellschaft sei geprägt durch eine zunehmend digitalisierte Arbeitswelt, die extreme Verschiebung von Frauen- und Männerrollen und das Zurechtkommen mit Leistungsdenken in Arbeit und Freizeit. „Früher sind sie zur Kirche gegangen heute kommen sie zu mir. Heute fehlen Rituale“, zitierte die erfahrene Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler einen Psychologen treffend. Sie selbst schätze solche Rituale, beispielsweise gemeinsame Essen, um zur Ruhe zu kommen. Die Frage der Belastung in Zusammenhang mit Arbeit stellte Bürgermeister Ralph Edelhäußer. Er führte an, dass Menschen, die in ihrer Arbeit aufgehen, etwa Selbstständige, Arbeit nicht als Belastung empfänden.

Wo allerdings ständige Erreichbarkeit, ein Fehlen von Ritualen und schwer erfüllbare Rollen zusammenkommen drohen seelische Erkrankungen. Exzessives Computerspielen, Shopping aber auch die Sucht in Sozialen Medien präsent zu sein, bergen das Risiko schleichender Abhängigkeit. Bei Kleinkindern müssten Eltern, so Mortler, Grenzen setzen und Regeln aufstellen. „Wenn sich bei einer stark geprägten virtuellen Welt bis zu drei Jahren das Gehirn nicht entwickeln kann, kommt es zu einem problematischen Gesundheitszustand“, betonte Mortler. Christian Albrecht, beruflich verantwortlich für die Onlineauftritte des Airport Nürnberg und als CSU-Bürgermeisterkandidat in Allersberg Verfechter der Digitalisierung, beleuchtete die Chance und Risiken der Internetnutzung und warb für mehr digitale Bildung in den Grundschulen. „Wir müssen die Kinder auf die digitale Welt vorbereiten“, so Albrecht. Nawratil erklärte, als glaubwürdiges Vorbild müsse man sich vor allem selbst Grenzen setzen. „Der Esstisch ist bei uns bewusst handyfreie Zone“, so der Stegauracher.

Auch bei Alkohol so Gerti Helmbracht ist eine große Herausforderung die Selbstbestimmung. „Brauche ich Alkohol um „runter zu kommen“? Und: ab welchem Maße schädige ich und meine Umwelt?“ Diese Fragen bestimmten ihre Bewertung von Alkoholgenuss. Verbieten wolle Helmbrecht das „Feierabendbier“ niemandem, erinnerte aber daran, dass Alkohol ein Zellgift sei und deshalb generell, vor allem aber für Kinder und Jugendliche schädlich. Geht die Selbstbestimmung verloren, erklärte die Hilpoltsteinerin, so werden die psychischen Probleme immer mehr zunehmen. „Man kommt in eine Abwärtsspirale, unter der auch die Umwelt, sprich Familie leide.“ Sich dies einzugestehen sei oft schwer. Hier biete für die Kinder, aber auch für die Eltern das Programm „Klasse 2000“, bei dem externe Referenten mit „Suchtbiografie“ in Grundschulen referieren gute Ansätze durch Aufklärung, Beratung und Verbesserung der Zusammenarbeit. Diese Prävention in der Schule sei sehr wirkungsvoll, so Mortler. Auch die sog. „Suchtberater“, die in Zusammenarbeit mit der IHK ausgebildet werden, um problematische Entwicklungen einzelner Mitarbeiter in den Betrieben zu erkennen und diesen zu helfen, seien eine „super Sache“ (Mortler).

Als Fazit der über 90 Minuten durchweg spannenden, weil sachlich-ruhig und abwägenden, aus der Lebenswirklichkeit berichtenden Talkveranstaltung war, dass die Methoden der psychologischen Betreuung der 1980er Jahre heute nicht mehr anwendbar sind. „In der psychiatrischen, genetischen wissenschaftlichen Forschung geht man neue Wege“, berichtete Nawratil. Er wünscht sich, dass bundesweit niederschwellige Angebote für die Patienten ausgebaut werden. Die Bundesdrogenbeauftragte Mortler pflichtete dem bei. Es gehe darum frühzeitig problematische Entwicklungen zu erkennen und sich einzugestehen. Denn: „einmal wirklich abhängig, immer abhängig“, so Mortler. Deshalb müsse offen über die Probleme gesprochen werden. Auch brauche es, so Bürgermeister Ralph Edelhäußer, gute Freunde, „die einem auch mal sagen, wenn sie sich Sorgen machen, die einem vermitteln, wie wertvoll man ist.“


Bildunterschrift: v.l. Helmut Nawratil (Leiter Bezirkskliniken Mfr.), Christian Albrecht (NewMedia-Manager), Gerti Helmbrecht (Landesvorsitzende Blaues Kreuz Bayern), Marlene Mortler, MdB, Moderator Daniel Nagl, 1. Bgm. Stadt Roth Ralph Edelhäußer