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Zeitzeugengespräch in Rohr

Von Äbbien und Bomberformationen

 

Rohr (dn) Auf eine Zeitreise ans Ende des Zweiten Weltkriegs begaben sich die dicht in die Wirtstube der Lindenschänke in Leitelshof gedrängten Zuhörer zwischen 18 und 90 Jahren. Zufrieden zeigte sich der Organisator des Zeitzeugengesprächs Volker Bauer, MdL über den Andrang und die eindrücklichen Berichte von Ernst Dunkel (lange 2. Bgm.), Georg Stürmer, Heiner Götz (1935) und Martin Hummel (1940).  

Vergeblich wurde versucht auf Nürnberg einfliegende Bomber mit einem nahe Rohr errichteten und in Brand gesteckten „Scheinbahn“ zu täuschen, berichtete Stürmer. Noch heute berge der Wald um Rohr Erinnerungen an den Krieg, da Splitter niedergegangener Bomben und abgeschossener Flugzeuge in den gewachsenen Stämmen steckten. Für die Jüngeren seien die Formationsflüge der Alliierten Flugzeuge auf Nürnberg, die sich oft über Rohr sammelten, kaum vorstellbar, so Götz. Wiederholt prasselten in Rohr die Flakteile auf die Hausdächer und beim schwersten Angriff 1941 färbte die Rauchwolke über dem zerstörten Nürnberg den Tag nachtschwarz, während die Hitze Papierschnipsel bis Rohr hinaus trug.  

Neben diesen eindrücklichen Schilderungen hielt die Runde aber auch Unterhaltsames und Optimistisches parat. So wurde kurz vor Kriegsende ein deutsches Flugzeug unweit von Rohr im Wald abgestellt; von der Dorfjugend nicht unbemerkt. So vollzogen in den letzten Kriegstagen einige Kinder erste Fahrversuche mit dem Flugzeug und ärgerten sich über ein kaputtes Rad, dass die Maschine nur im Kreis fahren ließ und ein Abheben unmöglich machte. Auch die Verständigung mit den aus dem Auffanglager Vogelherd nach Rohr verteilten Heimatvertriebenen zeugt davon, dass Verschiedenes erst zusammenwachsen musste. So wurden die bei Familie Götz einquartierten Sudetendeutschen zum „Äbbien-Holen“ geschickt und kehrten mit den Worten „Keine Erdbeeren gefunden“ niedergeschlagen zurück.     

Dass die Integration jedoch gelang, belegen die Erzählungen von Ernst Dunkel (geb. 1925). Im Sudetenland geboren, wurde er als Funker in Mittelrussland eingesetzt und zweimal verwundet. Nach einem Gesichtsdurchschuss erwachte er im April 1945 in einem Kriegslazarett im österreichischen Wienerwald. Nach seiner Entlassung wanderte er, in der Hoffnung doch irgendwie in die Heimat zurückkehren zu können, an der tschechischen Grenze entlang bis Weiden. In Rehau erhielt der gelernte Speditionskaufmann vom dortigen Lehrer das Angebot bei seiner Schwester in Esslingen bei Stuttgart Arbeit zu finden. Nach 10-tägiger Tramp-Odyssee auf den leeren Autobahnen bis Nürnberg, strandete Dunkel in Kottensdorf, wo er wegen der Tochter der Bauernfamilie, die ihm Unterkunft gewährte, blieb. Als Kaufmann erwarb sich Dunkel Verdienste beim Aufbau der örtlichen Raiffeisen und wurde als „Zugereister“ 1960 sogar in den Gemeinderat gewählt.    

Weniger zufällig zog es außerdem viele Nürnberger, darunter nicht wenige Kriegsversehrte, in den letzten Kriegs- und Nachkriegsjahren zu Fuß nach Gustenfelden, wie Martin Hummel (geb. 1940) berichtete. In der Winkler Mühle erhielten die Hungernden ein Schäufelchen Mehl, um über die Runden zu kommen. Dass, die Jugend die bittere Erfahrung von Hunger und Not nie mehr machen müsse, wünschte „Martin“ darum den jüngeren im Raum. Götz, Stürmer und Dunkel schlossen an diesen Wunsch den Appell, dass „die Jungen“ die Frieden erhalten sollten und die Chancen, die sie hätten, durch „Bildung, aber auch Disziplin“ (Dunkel) nutzen sollten.