Ortsverband Murnau/Staffelsee

„Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende“

„Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende“

Foto: Antonie Reindl
Foto: Antonie Reindl

Freitag, 10. März 2023, Murnauer Tagblatt / Lokalteil / Antonia Reindl

Eine Christin im Iran: Bewegender Gesprächsabend der Frauen Union am Weltfrauentag

Zeigt sich überglücklich, diese ungewöhnliche Frau für den Gesprächsabend gewonnen zu haben: die FU-Vorsitzende Gisela Lücke-Wegmann (r.) mit Nafiseh. Foto: reindl

Murnau – Sie war überrascht, und sie freute sich. Dass die Stühle nicht reichen könnten, „hätte ich nicht gedacht“, sagte Gisela Lücke-Wegmann, Vorsitzende der Frauen Union Murnau-Ohlstadt-Blaues Land. Die FU hatte am Weltfrauentag zu einer besonderen Gesprächsrunde ins Pantlbräu eingeladen. Die Iranerin Nafiseh, die heute im Landkreis lebt, berichtete von ihren Erlebnissen als Frau und Christin im Iran. Und viele wollten sie hören: Der Nebenraum des Gasthauses war voll besetzt.

Seit Mitte September 2021 gehen Frauen, und auch Männer, im Iran auf die Straße, lehnen sich gegen Unterdrückung auf. Dafür zahlen viele einen hohen Preis: Verhaftungen, Misshandlungen, Vergewaltigungen. „Der Aufstand hat mittlerweile die meisten gesellschaftlichen Schichten erfasst“, meinte Lücke-Wegmann. Dabei gehe es nicht nur ums Kopftuch, es gehe um alles. „43 Jahre Unterdrückung“, die Frau, ein „Mensch zweiter Klasse“.

Seit drei Jahren lebt Nafiseh mit ihrer Familie im Landkreis. Sie spricht gut Deutsch, beim Gesprächsabend aber übersetzte ihr Sohn ihre Worte. Vielleicht, weil das, was sie zu sagen hatte, nicht so leicht auszudrücken war – und schmerzte. Sie sprach etwa von der Zeit, kurz bevor sie das Land verließen.

Nafiseh ist Christin. Und als solche sollte man im Iran „immer heimlich leben“, übersetzte ihr Sohn. Gottesdienste in Privatwohnungen. Das erinnere sie an „die alten Christen in Rom, in den Katakomben“, sagte Lücke-Wegmann. Eines Tages hätten Regime-Leute eine Bibel in der Wohnung seiner Eltern gefunden. Mutter und Vater seien zusammengeschlagen worden, berichtete Nafisehs Sohn. Die Augen seiner Mutter füllten sich mit Tränen. Nafiseh und ihre Familie sind nicht die einzigen gebürtigen Iranerinnen und Iraner, die an diesem Abend zugegen waren, was eine rege Diskussion über das Regime, die Zukunft und die Frage, was die Menschen im Iran erstreben, begünstigte.

Die Machthabenden würden alles tun, um die Macht zu halten, sagte Lücke-Wegmann. Aus einem Vorgespräch mit Nafiseh wisse sie, dass es Verhaftete gebe, die nach ihrer Entlassung Suizid begehen. Wie viele? Eine Dunkelziffer. „Wer verhaftet wird als junge Frau, ist Freiwild“, sagte die FU-Vorsitzende, die erfuhr: Das gelte auch für Männer.

„Gibt es noch Hoffnung?“, fragte Lücke-Wegmann schließlich. Sie zitierte ein persisches Sprichwort: „Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende.“ Nafiseh wolle in Deutschland leben und arbeiten, betonte die Vorsitzende. Im Iran habe sie zur Schule gehen und studieren, aber nicht arbeiten dürfen.

ANTONIA REINDL